Ein heiliger Abend

 

Festus wischte wohl schon zum zehnten Mal mit seinem gelben Tuch über die spiegelblanke Oberfläche des Tresens. Dabei sah er mich mit einem Blick an, der an jedem anderen Tag genug Aufforderung für mich gewesen wäre, endlich zu gehen.

Aber heute ... Gehen? Wohin?

Im Spiegel hinter ihm sah ich, dass außer mir nur noch zwei andere Kerle da waren. Sie saßen an einem der Tische und spielten Karten. Wenn ich ging, würde Festus die beiden anderen schon irgendwie raus bringen und hinter ihnen zusperren.

Im Augenblick genoss ich das Privileg des Stammgastes, bleiben zu dürfen, so lange es mir passte.

Ich war vor ein paar Monaten hierher gezogen. Denen zu Hause hatte ich klargemacht, dass ich zur Entwicklung meiner Persönlichkeit den Blick über ‘n Zaun brauchte. Ich musste weg aus der Enge meines Heimatortes. Ich hatte den gleichförmigen Rhythmus jener Stadt und seiner Bewohner satt. Ich konnte den Geruch der Provinz nicht mehr riechen. Ich hasste die Borniertheit seiner Bewohner. Ich erstickte an der unverhältnismäßigen Gründlichkeit, die sie selbst in Banalitäten an den Tag legten.

In meiner neuen Umgebung hatte ich mich sofort eingelebt. Nichts von dem, was ich verlassen hatte, holte mich ein. Wenn man davon absah, dass es auch hier eine gewisse Regelmäßigkeit gab, die zwangsweise durch meine Tätigkeit in einem der kleinen Betriebe in der Stadt zustande kam.

Borniertheit dagegen schien hier ein Fremdwort zu sein.

Und so war dieser Tag gekommen, ohne dass ich besonders auf die fortschreitende Jahreszeit geachtet hatte. Weihnachten kommt immer so plötzlich.

Haha. Wie komisch. Na ja.

Tagsüber hatte ich eingekauft wie an jedem anderen Freitag auch, und jetzt saß ich bei Festus in der Kneipe. Zusammen mit den beiden Jungs, die hinter mir gerade ihr Kartenspiel vom Tisch strichen.

Ich hörte, wie sie ein paar Münzen auf die Platte warfen. Im Spiegel beobachtete ich, wie sie sich ihre Jacken umhängten und mit einem gemurmelten Gruß das Lokal verließen.

„He Dicker, willst du nicht auch nach Hause?“ Festus legte seine Riesenpranke auf meine Hand.

„Wie lange hast du offen?“

Festus nahm seine Hand von meiner und schaute mich müde an.

„Junge, heute ist Heiliger Abend.“

Ich wusste das. Aber ich wollte es nicht verstehen. Verdammt und zugenäht.

Da sah ich im Spiegel, wie sich die Tür hinter einer jungen Frau schloss, die gerade eingetreten war. Jetzt stand sie einfach nur da und schaute zu uns herüber.

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie Festus den Kopf ein wenig anhob, das Kinn in ihre Richtung reckte. Ich spürte seine Verstimmung.

Das Mädchen stand noch immer unschlüssig mitten im Raum.

„Bis achtzehn Uhr“, brummte Festus in ihre Richtung.

Sie nickte, nahm ihre weiße Mütze ab und klopfte sie gegen ihren dunkelblauen Mantel, dass ein feiner, heller Regen nach allen Seiten sprühte.

„Es schneit“, sagte das Mädchen.

Es klang, als läge in ihren Worten die Wahrheit der Welt.

„Schön“, sagte Festus feierlich. „Heiliger Abend mit Schnee.“

Ich sagte nichts. Mir war das egal. Weihnachten mit oder ohne Schnee. Worin liegt der Unterschied?

Sie setzte sich neben mich an den Tresen und bestellte ein Bier. Dann schaute sie mich an und fragte:

„Welches Lokal hat denn hier in der Nähe noch länger offen?“

Bevor ich antworten konnte, sagte Festus: „Vielleicht schauen Sie mal bei Lu vorbei.“

„Das ist ein fürchterlicher Laden“, hörte ich mich sagen.

„Du kennst dich da aus, was?“

Festus versuchte, heiter zu klingen.

„Scheiße mit Weihnachten“, sagte die junge Frau neben mir.

Ich betrachtete sie von der Seite. Sie spielte mit ihrem Bierfilz und war völlig in Gedanken versunken. Sie mochte Anfang zwanzig sein. Älter nicht. Sie hatte braune, schulterlange Haare mit Wellen, die von ihrer Mütze etwas zerdrückt waren. Außerdem hatte sie noch immer diesen dunkelblauen Mantel an und weiße Stiefel.

Ich überlegte mir gerade, ob sie Kontaktlinsen trug, weil ihre Augen einen seltsamen Glanz hatten, als sie sich nach mir umwandte.

„Finden Sie nicht auch?“

„Was?“

„Scheiße mit Weihnachten.“

„Na ja ...“

 

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